2024 Gedanken im Advent

Ich stehe am Fenster und sehe in den norwegischen Himmel. Der Wind scheucht dicke Regenwolken vor sich her, und ich wünsche mir: „Bitte: reiß auf! … damit ich Himmel sehen und Hoffnung schöpfen kann.“ –

Wird sich die Bitte erfüllen? Schon im Oktober denke ich daran, dass sie in der dunkelsten Jahreszeit: im Advent kraftvoll durch Kirchen klingt. Doch erst einmal bleibe ich beim schlichten: „Reiß´ auf! Reiß ab!“ und: „Reiß dich zusammen!“ hängen und weiß: „Das tut weh!“

Wäre meine Strategie allerdings, Schmerzen zu vermeiden, bliebe ich im Dunklen hocken: ohne blauen Himmel, ohne Licht, ohne Hoffnung.

Im Advent kommen Himmel, Licht und Hoffnung zusammen; denn dann warte ich auf einen Himmel, der sich öffnet, auf Licht, das mehr und mehr wird, auf Hoffnung, die wächst. Friedrich Spee bat anno 1622 Gott: O Heiland, reiß die Himmel auf; herab, herab vom Himmel lauf; reiß ab vom Himmel Tor und Tür; reiß ab, wo Schloss und Riegel für. – Kurz drauf gesellte sich eine Melodie hinzu; ein „Advents-Hit“ war geboren.

Grad im Winter hoffe ich oft darauf, dass der Himmel real aufreißt. Doch mehr noch sehne ich mich danach, dass sich im übertragenen Sinn Licht und Hoffnung Bahn brechen. Mache ich mir noch einmal bewusst: „Reiß ab!“ geht nicht ohne: „Das tut weh!“, dann weiß ich, dass sich die an Gott gerichtete Bitte: O Heiland, reiß die Himmel auf!, in der Welt nicht ohne Wehtun und Schmerzen erfüllen wird und dass es an mir und dir ist, dem Hoffen im Advent Gestalt zu geben. Denn: das Dunkle der Welt: Antipathie und Hass verwandeln sich nicht einfach von allein in ein helles Leben; Frust und Enttäuschung lösen sich nicht von sich aus auf; und Trägheit und Unlust verändern sich nicht einfach in Bewegung.

Jeder Advent: jedes Hoffen und Erwarten von Licht in unserer Welt braucht dich und mich – also Leute, die erkennen, wo Mensch und Tier und Pflanze im Dunklen leben, die bereit sind, Erstarrtes „wegzureißen“, und die sehen, wo sie Menschen für Gutes „mitreißen“ können. Denn die Bitte: O Heiland, reiß die Himmel auf!, hat nur dann eine Chance sich zu erfüllen, wenn da Leute sind, die nicht hinnehmen, dass sich Gleichgültigkeit, Gewalt und Hunger weiter einrichten, und die sich nicht davor drücken, Dunkles zu zerreißen, damit durch erste Lücken Licht fällt und im eben noch Dunklen ein Stück Himmel sichtbar wird. Um Hoffnung lebendig zu halten und sie zu nähren, singe ich dann gern weiter (EG 7,5): O klare Sonn´, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern; o Sonn´, geh auf; ohn´ deinen Schein in Finsternis wir alle sein. Himmlisches Licht für Herz und Hand an jedem Tag des Jahres wünscht Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser,

Kristiane Voll, Pfarrerin

Christian Gottwald lässt O Heiland, reiß die Himmel auf auf der Lüttringhauser Orgel erklingen

Link: https://luettringhausen.ekir.de/wp-content/uploads/2024/12/Eg7-Carillion.mp3

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